Mariä Himmelfahrt – Vom Recht, das den Menschen aufrichtet
Eine Betrachtung zum Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel
Am 15. August feiert die Kirche das Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel. Sie bekennt, dass Maria nach Vollendung ihres irdischen Lebens „mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen“ wurde. Papst Pius XII. hat diesen Glauben der Kirche 1950 feierlich als Dogma definiert. (VatiKan)
Für katholische Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte mag sich zunächst die Frage stellen: Was hat ein solches Fest mit unserem heutigen beruflichen Alltag zu tun? Mit Akten und Schriftsätzen, mit Verträgen und Verhandlungen, mit Gerichten, Behörden und Mandanten, mit wirtschaftlichen Interessen, Macht, Konflikt und Verantwortung?
Vielleicht mehr, als es auf den ersten Blick scheint.
Maria macht sich auf den Weg
Das Evangelium des heutigen Hochfestes berichtet zunächst von einer Bewegung: Maria „machte sich auf den Weg und eilte“ zu Elisabet. Es ist die Begegnung zweier Frauen, und aus ihr erwächst einer der großen Texte des Christentums: das Magnificat (Lk 1,39–56). (schott.erzabtei-beuron.de)
Maria bleibt nach der Verkündigung nicht bei sich selbst. Sie trägt das, was ihr anvertraut wurde, zum anderen Menschen. Ihre Erwählung führt nicht zur Selbstbezogenheit, sondern zum Dienst.
Auch darin liegt ein erster Impuls für unseren Beruf. Der Rechtsanwalt verfügt über Wissen, Sprache, Zugang zu Institutionen und die Fähigkeit, Interessen in rechtlich wirksame Formen zu übersetzen. Das sind Privilegien. Aber christlich verstanden sind Privilegien niemals nur Besitz. Sie begründen Verantwortung.
Anwaltschaft ist deshalb mehr als die technisch perfekte Anwendung von Normen. Sie ist Dienst am Menschen – gerade dort, wo dieser seine Rechte nicht selbst durchsetzen kann, wo er einer stärkeren Partei gegenübersteht, wo Macht asymmetrisch verteilt ist oder wo ein Konflikt den Blick auf die Würde des anderen verstellt.
Das Magnificat – ein Lied über Macht und Gerechtigkeit
Dann stimmt Maria ihren Lobgesang an:
„Meine Seele preist die Größe des Herrn.“
Und wenig später folgen jene Worte, die bis heute nichts von ihrer Sprengkraft verloren haben:
„Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.“
Das Magnificat ist keineswegs nur ein stilles, frommes Mariengebet. Der Katechismus bezeichnet es als das Lied Mariens und der Kirche, als Dankgesang der Armen, deren Hoffnung sich in der Erfüllung der göttlichen Verheißungen bestätigt. (VatiKan)
Es spricht von Macht und Ohnmacht, Hochmut und Demut, Hunger und Sättigung, Herrschaft und Barmherzigkeit.
Damit berührt es Grundfragen des Rechts.
Denn Recht hat immer auch mit Macht zu tun. Es kann Macht begrenzen oder Macht absichern. Es kann den Schwachen schützen oder zum Instrument des Stärkeren werden. Es kann Gerechtigkeit ermöglichen – und es kann, formal vollkommen korrekt, hinter seinem eigenen Anspruch zurückbleiben.
Das Magnificat erinnert uns daran, dass für den Christen Recht und Gerechtigkeit nicht identisch sind. Das positive Recht ist unverzichtbar. Gerade wir Juristen wissen um den Wert verlässlicher Verfahren, klarer Zuständigkeiten und vorhersehbarer Entscheidungen. Aber wir wissen ebenso: Eine Rechtsordnung gewinnt ihre letzte Legitimation nicht allein daraus, dass ihre Regeln ordnungsgemäß zustande gekommen sind.
Über dem Recht steht die unverfügbare Würde des Menschen.
Für katholische Rechtsanwälte bedeutet das nicht, sich über das Gesetz zu erheben. Im Gegenteil: Es bedeutet, das Recht besonders ernst zu nehmen – gerade als Instrument zum Schutz der Freiheit und Würde jedes Menschen.
„Er erhöht die Niedrigen“
Vielleicht ist dies der juristisch eindringlichste Satz des Magnificat.
Der Rechtsstaat lebt davon, dass auch derjenige gehört wird, der keine gesellschaftliche Macht besitzt. Dass der Einzelne dem Staat entgegentreten kann. Dass wirtschaftliche Stärke nicht automatisch rechtliche Überlegenheit bedeutet. Dass Minderheiten geschützt werden. Dass jedem Menschen Anspruch auf rechtliches Gehör und ein faires Verfahren zukommt.
In dieser Perspektive bekommt anwaltliche Tätigkeit eine besondere Würde.
Wir vertreten nicht deshalb Menschen, weil sie immer recht haben. Wir vertreten sie, weil jeder Mensch ein Recht darauf hat, dass seine Sache gehört, sein Standpunkt geprüft und seine Würde respektiert wird.
Gerade darin kann anwaltliche Arbeit sehr konkret Dienst an dem sein, was Maria besingt: den Niedrigen aufzurichten und Macht an Recht zu binden.
Mariä Himmelfahrt relativiert auch unseren eigenen Erfolg
Das heutige Fest richtet den Blick aber noch weiter.
Maria wird mit Leib und Seele in die Herrlichkeit Gottes aufgenommen. Die Kirche sieht darin ein Zeichen der Hoffnung und des Trostes: An Maria wird sichtbar, welches Ziel Gott dem Menschen zugedacht hat. (schott.erzabtei-beuron.de)
Damit relativiert dieses Fest auch vieles, was in unserem Berufsleben so wichtig erscheinen kann.
Mandate.
Umsätze.
Positionen.
Titel.
Einfluss.
Erfolge und Niederlagen.
All das hat seine Bedeutung. Aber nichts davon ist das Letzte.
Gerade ein Beruf, der stark von Wettbewerb, Argumentation und persönlicher Durchsetzungskraft geprägt ist, braucht diese Erinnerung. Christliche Demut bedeutet dabei keineswegs berufliche Anspruchslosigkeit. Wir sollen gute Juristen sein. Wir dürfen erfolgreich sein. Wir dürfen Verantwortung übernehmen und Einfluss ausüben.
Aber wir sollten wissen, wem wir unseren Erfolg verdanken und welchem Zweck unsere Fähigkeiten dienen sollen.
Maria sagt nicht: Seht, was ich erreicht habe.
Sie sagt:
„Der Mächtige hat Großes an mir getan.“
Das ist vielleicht eine der anspruchsvollsten christlichen Haltungen überhaupt: das eigene Können ernst zu nehmen, ohne sich selbst zum Mittelpunkt zu machen.
„Segne du, Maria, segne all mein Denken, segne all mein Tun“
Dazu passt in besonderer Weise das alte Marienlied „Segne du, Maria“, das viele von uns seit Kindheitstagen kennen.
Eine Zeile berührt gerade mit Blick auf unseren Beruf:
„Segne all mein Denken,
segne all mein Tun.“
Was könnte ein katholischer Jurist am Beginn eines Arbeitstages eigentlich Besseres erbitten?
Segne mein Denken – damit juristische Klugheit nicht zur bloßen Cleverness wird.
Segne mein Tun – damit aus fachlicher Erkenntnis verantwortliches Handeln erwächst.
Segne meine Worte – damit Entschiedenheit nicht in Verletzung umschlägt.
Segne meine Entscheidungen – gerade dort, wo Recht, wirtschaftliches Interesse und Gewissen miteinander ringen.
Und das Lied geht weiter:
„Lass in deinem Segen
Tag und Nacht mich ruhn.“
Vielleicht liegt darin eine weitere Botschaft für einen Berufsstand, in dem Leistung, Erreichbarkeit und Verantwortung immer mehr Raum beanspruchen: Wir müssen nicht alles selbst tragen.
Am Ende unseres beruflichen Tages dürfen wir abgeben.
Hoffnung über das Recht hinaus
Die letzte Strophe des Liedes führt schließlich genau zum Geheimnis des heutigen Festes:
„Bleib im Tod und Leben
unser Segen du!“
Das Recht kann vieles ordnen. Es kann Interessen ausgleichen, Freiheit schützen, Schuld feststellen, Schaden ersetzen und Frieden stiften.
Aber an einer Grenze endet jede Rechtsordnung: am Tod.
Mariä Himmelfahrt verkündet, dass dort nicht alles endet.
Der Mensch ist zu mehr bestimmt als zu dem, was sich in Ansprüchen, Rechten, Vermögen oder Lebensleistungen bemessen lässt. Seine endgültige Bestimmung liegt bei Gott.
Das ist keine Flucht aus der Welt. Im Gegenteil. Gerade wer weiß, dass menschliche Macht und menschliches Urteil nicht das letzte Wort haben, kann sich in dieser Welt umso freier für Recht und Gerechtigkeit einsetzen.
Das Magnificat gibt uns dafür den Maßstab:
Nicht Macht hat das letzte Wort.
Nicht Reichtum hat das letzte Wort.
Nicht gesellschaftlicher Rang hat das letzte Wort.
Gottes Barmherzigkeit hat das letzte Wort.
Das Hochfest Mariä Himmelfahrt lädt uns katholische Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte deshalb ein, unseren Beruf immer wieder aus dieser Perspektive zu betrachten: fachlich exzellent, dem Recht verpflichtet, der Gerechtigkeit dienend, dem Menschen zugewandt – und im Bewusstsein, dass über allem menschlichen Recht eine größere Gerechtigkeit steht.
Und vielleicht dürfen wir heute ganz schlicht mit dem alten Lied beten:
Segne du, Maria,
segne all mein Denken,
segne all mein Tun.
Einen gesegneten Festtag Mariä Himmelfahrt!
Bund Katholischer Rechtsanwälte (BKR)




